„Pferde für unsere Kinder e.V.“-Interview mit Christina Pavel vom Reitstall Pavel

Christina Pavel ist staatlich anerkannte Kindheitspädagogin B.A. und ISAAT-zertifizierte Fachkraft für tiergestützte Pädagogik. Gemeinsam mit ihrem Mann, Philipp Pavel, betreibt Sie den Reitstall Pavel in Calden, welcher am 6. September 2025 als vierter Leuchtturmbetrieb von „Pferde für unsere Kinder“ ausgezeichnet wurde. Neben den Angeboten der Reitschule, der Pferdepension sowie der Ausbildung von Pferd und Reiter bietet Christina Pavel außerdem Tiergestützte Pädagogik für Kinder und Jugendliche an.

„Pferde für unsere Kinder e.V.“ wollte von Christina Pavel wissen: Aus welchen Gründen hat sie sich für diesen Weg entschieden? Welche Schwerpunkte setzt Sie in Ihrer täglichen Arbeit mit Pferden und Kindern? Welche Erlebnisse haben Sie nachhaltig geprägt und warum ist es so wichtig, Kinder mit Pferden bzw. Tieren in Berührung zu bringen?

(Foto: Christina Pavel)

„Pferde für unsere Kinder e. V.“: Frau Pavel, können Sie uns zu Beginn ein wenig über sich erzählen? Wie sind Sie zu den Pferden gekommen und wie verlief Ihr persönlicher Weg bis heute?

Christina Pavel: Mein Weg zu den Pferden hat schon sehr früh angefangen. Mit fünf Jahren fing ich mit dem Reiten in einer Shetty-Reitschule in unserer Nähe an. Davon musste ich zuerst meine Eltern überzeugen, da sie Angst vor Pferden hatten bzw. auch noch bis heute Angst vor Pferden haben. In dieser Reitschule hatte ich auch meinen ersten Kontakt zu Pferden. Nach einer etwas längeren Unterbrechung und dem Ausprobieren anderer Sportarten, kam ich mit zwölf Jahren wieder zurück zu den Pferden und fing das Reiten in der Reitschule des Reitstalls Pavel an. Also bin ich, seit ich zwölf Jahre alt bin im Reitstall Pavel. Zuerst als Reitschülerin und anschließend mit eigenem Pflegepferd und einer Reitbeteiligung. Für das Studium und die Arbeit habe ich den Reitstall noch einmal kurz verlassen, bis ich meinen Mann kennengerlernt habe und schließlich seit einigen Jahren bin ich auch ganz in den Betrieb eingestiegen. Neben der tiergestützten Pädagogik bin ich durch meinen Hintergrund auch in den Reitunterricht mit eingebunden. Dabei achte ich darauf, dass der Reitunterricht auf der pädagogischen Ebene gut läuft. Zudem bilde ich die Auszubildenden dahingehend mit aus, bin verantwortlich für die Abzeichen-Lehrgänge und organisiere verschiedene Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche. Mein Herzensprojekt ist aber die tiergestützte Pädagogik, in welcher ich meine Lebensaufgabe sehe.

 „Pferde für unsere Kinder e. V.“: Der Reitstall Pavel wurde von den Eltern Ihres Mannes Philipp Pavel gegründet. Wie hat sich Ihr Betrieb im Laufe der Jahre entwickelt?

Christina Pavel: Der Betrieb wurde im Jahr 1979 von meinem Schwiegervater und seinem Vater mit 30 Boxen und einer Reithallte gegründet. Als meine Schwiegermutter 1989 auf dem Hof kam, brachte sie die ersten Reitschulpferde mit und startete die Reitschule. Mittlerweile haben wir drei Reithallen, drei Reitplätze, rund 36 Schulpferde und zwei Aktivställe nur für unsere Reitschulpferde und -ponys. Im Jahr 2020 hat mein Mann den Betrieb offiziell übernommen. Nach der Geburt unserer Tochter bin ich im Jahr 2021 in den Betrieb eingestiegen und fing an, die tiergestützte Pädagogik aufzubauen. In diesem Jahr konnten wir unsere zweite Reitschule in Kassel-Niederzwehren, dem Keilsberghof, eröffnen. An diesem Standort soll die tiergestützte Pädagogik mehr Raum finden und noch mehr Menschen bzw. Kinder an das Pferd gebracht werden. So ist der Betrieb im Laufe der Jahre stetig am Wachsen und sich entwickeln.

 „Pferde für unsere Kinder e. V.“: Im Reitstall Pavel bieten Sie u. a. tiergestützte Pädagogik an. Welche Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer Arbeit?

Christina Pavel: Die tiergestützte Pädagogik ist eine Ergänzung zum Reitschulunterricht und fördert die Kinder und Jugendlichen ganzheitlich. Die Kinder werden dort abgeholt, wo sie gerade stehen. Mir ist es wichtig, ihre Stärken und Kompetenzen zu fördern und das auf eine liebevolle spielerische Art und Weise. Die Angebote der Tiergestützten Pädagogik richten sich hauptsächlich an Kinder und Jugendliche, soziale Einrichtungen, Schulen und Kindergärten.

 „Pferde für unsere Kinder e. V.“: Was hat Sie motiviert, Ihr Angebot in die Richtung weiterzuentwickeln?

Christina Pavel: Ich bin selbst Kindheitspädagogin und war lange in der offenen Kinder- und Jugendarbeit tätig. Mein Arbeitsalltag war meist geprägt von schwierigen Kindern und Jugendlichen, die teilweise sehr wenig Erfahrung mit Tieren und der Natur hatten. Durch meine Praktika während des Studiums auf einem Kinderbauernhof und der Hippotherapie konnte ich meine ersten Einblicke in die tiergestützte Förderung gewinnen. Dabei wurde mir schnell klar, dass in dieser Arbeit so viel Potenzial steckt. Die Kinder zeigten sich bei der gemeinsamen Arbeit mit dem Tier von einer anderen Seite und lernten so viel Neues für sich, wie zum Beispiel wo die Milch herkommt und, dass ein Huhn ein Ei legen kann. Auch war mir durch meinen Bezug zu Pferden und den persönlichen Ausgleich, den ich durch den Umgang mit diesen verspürte, bewusst wie viel Potenzial in der tiergestützten Arbeit mit Pferden steckt. Daraufhin habe ich mich entschlossen dieses Potenzial zu nutzen. So absolvierte ich meine Weiterbildung im Bereich der tiergestützten Pädagogik. Das war für mich meine persönliche Erfüllung. Es macht mich einfach glücklich zu sehen, wie die Kinder bei dieser Arbeit reagieren. Genauso sind es die gemeinsamen Erlebnisse, die geschaffen werden. Auf der anderen Seite kann es auch sehr traurig sein kann. Vor allem, wenn Kinder mit sehr belastenden Geschichten zu mir kommen.

 „Pferde für unsere Kinder e. V.“: Gab es besondere Erlebnisse mit den Kindern und Pferden, die Sie nachhaltig berührt oder geprägt haben?

Christina Pavel: Es gab schon einige Erlebnisse und Momente, in denen ich um Fassung ringen musste. Eines dieser Erlebnisse fand mit meiner Tinker-Stute „Barbie“ statt. Die Stute habe ich vor zwei Jahren als Dreijährige gekauft. Nach einem Jahr Ausbildung fing ich an, Barbie als vierjährige in der tiergestützten Pädagogik behutsam einzusetzen. Dabei gab es einen Jungen, mit dem ich viel mit Barbie vom Boden aus gearbeitet habe. Für ihn war es anfänglich ein großer Schritt das Pferd anzufassen. Um es dem Jungen zu erleichtern, hat sich Barbie bei den Begegnungen mit dem Jungen  so entspannt,  dass sich der Junge auch allmählich entspannen konnte. Nach einiger Zeit haben wir beschlossen gemeinsam Bodenarbeit zu machen. Hierfür hatte sich der Junge einen Parcours überlegt, welchen er mit Barbie absolvieren wollte. Ich weiß nicht wieso, aber ich war in diesem Moment etwas unsicher. Der Junge schaute mich nur an und sagte: „Was soll denn passieren? Barbie vertraut mir doch.“ Das hat mich so beeindruckt, denn er war derjenige, welcher in den vielen Einheiten zuvor sehr unsicher war. Schlussendlich haben beide den Parcours absolviert, als würden sie das schon jahrelang gemeinsam machen.

Ein weiteres bewegendes Erlebnis hatte ich bei einem Projekt mit einer Gesamtschule. Die Gruppe kam hauptsächlich aus dem Hauptschulzweig, bestand zu 90 % aus Jungs im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren, welche keine große Lust auf das Projekt hatte. Das Projekt war so aufgebaut, dass wir drei Tage in der Schule waren und zwei Tage auf dem Hof. Nachdem ich die Grundlagen im Umgang mit Pferden geschaffen hatte, ging es am zweiten Tag bereits das erste Mal auf den Hof und die Jugendlichen hatten ihren ersten Pferdekontakt. Dabei sollte einer meiner Wallache aus dem Stall geholt werden, aber dieser entschied, aufgrund des Verhaltens der Gruppe, sich keinen Zentimeter zu bewegen. Nachdem wir die Situation eine Weile beobachteten, begannen wir darüber zu sprechen, wieso das Pferd nicht mit der Gruppe mitgehen mochte. Dabei kam von der Gruppe sehr viel Selbstreflexion. Es wurde überlegt, was das Pferd benötigt und welche Ressourcen notwendig sind, um den Wallach aus dem Stall zu holen.  Nach einiger Zeit schaffte dies die Gruppe auch. Solche Erlebnisse gab es den ganzen Vormittag und es war sehr spannend zu sehen, wie die Jugendlichen plötzlich angefangen haben, über sich und das andere Lebewesen nachzudenken. Das gesamte Projekt hat dazu geführt, dass am letzten Tag Gespräche über die Ängste und die Gefühle der Jungs in einer respektvollen Umgebung stattfanden. Das hat mich sehr beeindruckt.

Neben den großen beeindruckenden Momenten gibt es natürlich noch die kleinen Momente, bei denen man sich denkt „das war schön“. Wie zum Beispiel, wenn sich die Kinder an die Pferde anlehnen, diese umarmen und dabei das Fell und die Wärme spüren. Diese Beziehung und Bindung zwischen Kind und Pferd, welche geschaffen wird, ist so besonders und eine wichtige Grundlage für so viele Dinge im Leben.

(Fotos: Christina Pavel)

„Pferde für unsere Kinder e. V.“: Welchen Wert haben Pferde Ihrer Erfahrung nach für Kinder und Jugendliche? Warum ist der Kontakt zwischen Kind und Pferd so wichtig?

Christina Pavel: Für mich ist der Beziehungsaufbau zwischen Kindern / Jugendlichen und den Pferden von großem Wert. Der Umgang fördert kognitive und motorische Kompetenzen, stärkt das Selbstwertgefühl, die Selbstwirksamkeit und das Selbstbewusstsein. Je nachdem mit welchem Auftrag die Kinder zu mir kommen, arbeiten wir auch an Schwierigkeiten im schulischen Kontext. So erhalten Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten in der Schule oder Problemen in Deutsch oder Mathe durch den Umgang mit Pferden nochmals eine andere Unterstützung. Auch die Phantasie und die Kreativität der Kinder werden angeregt.

 „Pferde für unsere Kinder e. V.“: Der Reitstall Pavel wurde im September 2025 als Leuchtturmbetrieb ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung persönlich und für Ihren Betrieb?

Christina Pavel: Für mich persönlich ist es eine Wertschätzung und Anerkennung für meine Arbeit bzw. unsere Arbeit. Es ist nicht nur die Arbeit am Kind, sondern auch die Ausbildung, das Konzept und Pferdemanagement sowie die Organisation, die dahinterstecken und nicht zu unterschätzen sind. Zudem zeigt die Auszeichnung, dass das Konzept Anklang findet, die eigene Person sowie der Betrieb gesehen werden und der Weg, auf dem man sich befindet, der Richtige ist. Auch für den Betrieb ist es ähnlich. Allein kann ich all das nicht stemmen, sondern es geht nur mit der Unterstützung meines Mannes und der super Arbeit unseren tollen Mitarbeiter*Innen. Diese Anerkennung und Sichtbarkeit der geleisteten Arbeit ist eine Motivation für unsere Mitarbeiter*Innen, unsere tägliche Arbeit und Weiterentwicklung.

 „Pferde für unsere Kinder e. V.“: Wie möchten Sie sich in das Netzwerk der Leuchtturmbetriebe einbringen und welche Erfahrungen möchten Sie besonders gerne mit anderen teilen?

Christina Pavel: Ich habe den Wunsch und die Hoffnung nach Austausch. Vor allem, da es sich beim Reitsport um eine Sparte handelt, die nicht sonderlich groß ist. Gemeinsam sich zu bestärken und nicht als Konkurrenz zu agieren, sondern Wege und Chancen für die eigene Arbeit zu finden und zu erkennen ist mir wichtig. Durch ein Miteinander wird der Zugang zum Pferd erleichtert und es werden viel mehr Menschen wieder an das Pferd gebracht. Auch Erfahrungen zu teilen, ob positiv oder negativ sowie das gemeinsame Lernen und das Profitieren voneinander ist mir persönlich sehr wichtig und das erhoffe ich mir auch aus diesem Netzwerk.

 „Pferde für unsere Kinder e. V.“: Gibt es zum Abschluss noch etwas, das Ihnen persönlich besonders am Herzen liegt?

Christina Pavel: Es ist wichtig Mut zu haben. Nicht nur bei der Umsetzung, sondern auch dahingehend sich professionell aufzustellen, sodass alles Hand und Fuß hat. Eine richtige Aus- bzw. Weiterbildung ist wichtig. Es gibt genug Verbände und Dachverbände, die eine qualitative Ausbildung gewährleisten. Wenn das Konzept gut und professionell aufgestellt ist, kann wirklich viel erreicht werden. Jeder braucht doch ein „bisschen Pferd“ in seinem Leben.

 „Pferde für unsere Kinder e. V.“: Vielen Dank für das Interview und Ihre tolle Arbeit!

Pressekontakt:

Pferde für unsere Kinder e.V.
Lena Vetter
T: +49 (0) 4296 / 748 74 16
E: vetter@pferde-fuer-unsere-kinder.de

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