„Pferde für unsere Kinder e.V.“-Interview mit Martina Rieger: Die Zwergen-Ranch und der Outdoor-Kindergarten Göhren

Der Umgang mit dem Pferd ist vielfältig – einige üben den Pferdesport in ihrer Freizeit aus, andere beschäftigen sich beruflich mit dem Pferd, die Nächsten dürfen den Kontakt zum Pferd sogar bereits im Kindergarten genießen. So bietet bspw. der Outdoor-Kindergarten in Göhren gemeinsam mit der Zwergen-Ranch unter Leitung von Martina Rieger Kindern die Möglichkeit, mit Pferden in Kontakt zu kommen.

„Pferde für unsere Kinder e.V.“ wollte wissen: Was steckt hinter der Zwergen-Ranch? Und was ist das Besondere an einem Outdoor-Kindergarten, welche Philosophie und welches Konzept stecken dahinter? Wie kommt das Pferd in den Kindergarten? Und wie lässt sich das Thema „Tiere und Natur“ in den Kindergartenalltag integrieren? Welche pädagogische Wirkung hat das Pferd auf die Kinder?

„Pferde für unsere Kinder e.V.“: Die Zwergen-Ranch ist eine Reitschule für Kinder. Welche Philosophie steckt hinter Ihrer kleinen Ranch?
Martina Rieger: Warum eigentlich eine Zwergen-Ranch? Unsere Philosophie beginnt schon beim Namen – Ponys, Material und Personal sind eher auf kleine Menschen ausgerichtet, die Ranch selbst ist ebenfalls klein und übersichtlich. Wir haben uns bemüht, eine warmherzige und familiäre Atmosphäre und Lernumgebung zu schaffen. Die Rückmeldungen unserer kleinen Kunden und ihrer Familien bestätigen dies.

„Pferde für unsere Kinder e.V.“: Das Angebot der Zwergen-Ranch ist sehr vielfältig. Zurzeit bilden Sie sich zum Thema „Erlebnis Bauernhof“ weiter. Nach Fortbildungsabschluss sind Sie Mitglied in der Bundesarbeitsgemeinschaft „Lernort Bauernhof“ und dürfen den staatlich geförderten Bauernhofbesuch für Grundschulklassen anbieten. Warum verbinden Sie den „Lernort Pferdehof“ mit dem „Lernort Bauernhof“?
Martina Rieger: Durch die Lage, die übersichtliche Größe und die Anordnung unseres Hofes greift alles ineinander: Auf dem Weg zum Pony holen kommen wir zum Beispiel an den Hühnern und den Apfelbäumen vorbei, genauso am Gemüsebeet und an den Kartoffeln. Bei den Kindern entsteht so automatisch Interesse für die entsprechenden Zusammenhänge der Natur. Eine wertvolle Möglichkeit zum Wissenserwerb über wichtige Themen, die vielen Kindern heutzutage unbekannt sind. Wir haben daher begonnen, diese Zusammenhänge erlebbar zu machen und mit verschiedenen möglichen Lernfeldern zu experimentieren: Beispielsweise das Lernfeld „Apfel“ – kleine Apfelkerne in die Erde legen und das entstehende Pflänzchen pflegen, verschiedene Apfelsorten probieren und ein eigenes Apfelmus kochen. Oder das Lernfeld „Hühner“ – für die Hühner das Futter selbst mischen, den Stall und den Auslauf pflegen und die Legenester mit frischem Stroh füllen. Und genauso funktioniert das natürlich mit dem Lernfeld „Pferd“: Was braucht das Pferd, um sich wohlzufühlen? Wie „spricht“ es? Wie soll man mit ihm umgehen, um sicher und pferdefreundlich zu sein? Wie muss die Ausrüstung beschaffen sein und wie wird diese gepflegt? Und selbstverständlich auch, wie lerne ich Reiten? All das sollen und dürfen die Kinder in Ferienaktionen mit ihrem Kindergarten oder ihrer Schulklasse bei uns ausprobieren.

„Pferde für unsere Kinder e.V.“: Die Kinder des Outdoor-Kindergartens Göhren haben die Chance ihre Zeit in der Natur mit Tieren, Hasen, Hühnern, Zwergziegen, einem Hund und Ponys zu verbringen. Zudem erhalten sie sogar die Möglichkeit zu reiten. Wie hat sich diese Form des Kindergartens entwickelt?
Martina Rieger: Zusammen mit meiner Kollegin Sabine Tober habe ich festgestellt, dass sich die Kinder, die an unseren HIPPONLINI® Kursen teilnehmen, mehr Zeit für Dinge rund um das Reiten wünschten. Sie wollten gerne die Ponys ausmisten und füttern, die Hühner besuchen, am Feuer etwas kochen, gesellig zusammensitzen und essen, die Hasen versorgen, die Sättel säubern und Ponyhufe einfetten und vieles mehr. So entwickelten wir in einer Testphase die sogenannten „Ponyhofsamstage“, zu denen wir interessierte Kinder und Familien eingeladen hatten. Rund 20 Kinder waren dann jeweils vier Stunden bei uns auf der Ranch. Nach einer Evaluation des Angebotes durch die Eltern stand fest, das neue Konzept kam hervorragend an. Es folgten einige Monate, in denen wir zahlreiche Einrichtungen mit „Outdoor-Konzepten“ besuchten – darunter Jugendfarmen, Waldkindergärten und Bauernhofkindergärten. Wir nahmen an Gründungsberatungen teil, verschlangen Berge von Fachliteratur und hatten mit zahlreichen Behörden das Vergnügen. Nebenbei verbesserten und verfeinerten wir unser Konzept, welches vom örtlichen Jugendamt geprüft und mit hervorragend bewertet wurde. Nach rund zwei Jahren war es dann soweit – das Konzept stand und die Kinder, die Tiere und wir selbst lieben es!

 „Pferde für unsere Kinder e.V.“: Welches Konzept steckt hinter dem Kindergarten und, welche pädagogischen Schwerpunkte setzen Sie im Kindergartenalltag?
Martina Rieger: Diese Frage gebe ich an meine Kollegin Sabine Tober, Kindheitspädagogin, weiter.
Sabine Tober: Hinter unserer pädagogischen Arbeit im Kindergarten steckt das Konzept des „Outdoor-Kindergartens“, welches ich gemeinsam mit Martina Rieger während meines Studiums entwickelt habe. Dabei haben wir das Rad nicht neu erfunden. Wir haben uns mit verschiedenen Konzepten, wie deren der Wald-, Natur- und Bauernhofkindergärten vertraut gemacht und daraus, angepasst an die vorliegenden Gegebenheiten, verbunden mit unseren eigenen Erfahrungen und pädagogischen Standpunkten, ein neues Konzept entwickelt.
Dabei stellen natürlich der Kontakt und Umgang mit den Tieren und der Aufenthalt der Kinder im Naturraum die beiden wichtigsten Schwerpunkte unserer pädagogischen Arbeit dar. Unter anderem bekommen die Kinder die Möglichkeit ihrem Bewegungsdrang freien Lauf zu lassen, sie kommen in hautnahen Kontakt mit den verschiedenen Jahreszeiten und lernen einen verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang mit der Natur und all ihren Besonderheiten. Dabei behalten wir unseren Leitsatz „Kinder, die von Anfang an die Zusammenhänge und Einzigartigkeit der Natur erfahren dürfen, werden sie später zu schätzen und schützen wissen“ gerne im Hinterkopf.
Weitere wichtige Schwerpunkte unserer pädagogischen Arbeit sind die Partizipation und Ko-Konstruktion. Die Kinder werden im alltäglichen Geschehen, im Sinne von Mitwirkung, Mitgestaltung und Mitbestimmung beteiligt und haben das Recht ihre Meinungen wertfrei zu äußern. Dabei findet Lernen in Zusammenarbeit zwischen den Kindern und den pädagogischen Fachkräften statt – es wird gemeinsam konstruiert. Einen sehr hohen Stellenwert nimmt weiterhin der respektvolle Umgang miteinander ein. Dabei geht es um einen wertschätzenden, emphatischen und kongruenten / echten Umgang unter den Kindern, pädagogischen Fachkräften und Eltern. Diese drei Grundhaltungen nach C. Rogers bilden für uns die Basis, aufgrund derer erst weitere Bildungsprozesse und Schwerpunkte gesetzt werden können.
Demnach steht der Outdoor-Kindergarten „Für eine naturnahe und erlebnisreiche Kindheit – die solide Basis, auf der man mit beiden Beinen fest im Leben stehen kann!“.

Bilderquelle: Martina Rieger

„Pferde für unsere Kinder e.V.“: Bei der Integration des Pferdes in den Kindergartenalltag arbeitet der Kindergarten mit der Zwergen-Ranch zusammen. Welche Aufgaben übernimmt die Ranch bei der Betreuung der Kinder?
Martina Rieger: Die Zwergen-Ranch ist morgens gleich die erste Anlaufstation für die Kinder. Hier findet der Morgenkreis mit Begrüßungslied und Vorlesegeschichte statt. Danach dürfen sich die Kinder um die Versorgung der Tiere kümmern: Sie lassen die Hühner ins Freie, sammeln die Eier ein, füttern und tränken die Ziegen und die Hasen und misten einen kleinen Teil des Ponystalls aus. So lernen die Kinder ganz selbstverständlich die Verhaltensweisen, Besonderheiten und Bedürfnisse der unterschiedlichen Tierarten kennen und verstehen, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Die Kinder erfahren Freude an der täglichen Arbeit, an einem sinnerfüllten Handeln. Jedes Kind hat hier seine Aufgaben und wird gebraucht. Das macht sie stolz und kompetent.
Einen Tag in der Woche ist „Reittag“. Alle Kinder dürfen an einer Reitstunde, welche wie ein HIPPOLINI® Miniclub aufgebaut und gut strukturiert ist, teilnehmen.

„Pferde für unsere Kinder e.V.“: Ganz allgemein gefragt, welche Bedeutung hat das Pferd für Sie? Und, welchen Einfluss und welche pädagogische Wirkung hat das Pferd auf Kinder?
Martina Rieger: Die Bedeutung der Pferde für meine Tochter Sarah, meine Kollegin Sabine Tober und mich ist kaum mit Worten zu beschreiben. Sie sind Seelentröster, wichtigste vierbeinige Kollegen, Sportpartner, Freunde mit Samtnasen, eine Augenweide – und sicher noch vieles mehr!
Und pädagogisch gesehen: Die Kinder lernen bei den Ponys Achtung vor den Bedürfnissen und dem privaten Bereich anderer Lebewesen, sie lernen abzuwarten und leise sein zu können, sie entwickeln Empathie und Ausdauer. Dies sind nur einige positive Wirkungen von Ponys bzw. Pferden auf das Verhalten der Kinder.

„Pferde für unsere Kinder e.V.“: Aus Ihrer Erfahrung heraus, sehen Sie einen Unterschied in der Entwicklung der Outdoor-Kindergarten-Kinder, welche sich den Themen Natur, Tiere und Pferde im Kindergartenalltag widmen, gegenüber anderen Kindern?
Martina Rieger: Auf jeden Fall! Bedarf an Ergo- oder Logotherapie besteht bei den Outdoor-Kindern nahezu gar nicht. Das Laufen, Springen, Rennen auf verschiedensten Untergründen, das Ausbalancieren auf dem Ponyrücken und die langen Spaziergänge bei allen Wetterlagen stärken Koordination, Gleichgewicht und Kondition maximal. Die vielen Gesprächsanlässe während unserer „Rancharbeit“, wie in der Entdeckungs- und Spielzeit sowie das viele Vorlesen, das wir alle sehr lieben, unterstützen eine gesunde Sprachentwicklung.
Sabine Tober, ebenfalls HIPPOLINI®-Lehrkraft und die Kindheitspädagogin im Outdoor-Kindergarten, macht zudem gerade ein Fernstudium mit dem Thema „Natur- und Umweltpädagogik“ und die Lerninhalte fließen natürlich ebenfalls direkt ins Kindergartenprogramm ein. Menschen, die ihre Kindheit in der Natur verbringen dürfen und möglichst viel über sie erfahren, werden ihre natürliche Umgebung auch als Erwachsene lieben und schützen.

„Pferde für unsere Kinder e.V.“: Das Vereinsziel von „Pferde für unsere Kinder e.V.“ ist es, Kinder und Pferde in Berührung zu bringen und den Wert des Pferdes wieder in das Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken, denn vielen Menschen ist nicht bewusst, welchen positiven Einfluss Pferde auf uns und unsere Kinder haben. Inwieweit stimmen die Ziele der Zwergen-Ranch und des Outdoor-Kindergartens Göhren mit unseren überein?
Martina Rieger: Tiere tun der Kinderseele gut – Pferde und Ponys spielen hier eine ganz besondere Rolle. Durch ihre Kraft, Stärke und Schönheit haben sie einen hohen Aufforderungscharakter. Kleine wie große Menschen sind fasziniert, wie interessiert und fein diese großen starken Tiere mit uns zusammenarbeiten. Kleinere Kinder fühlen sich auf dem Ponyrücken endlich groß, schüchterne Kinder trauen sich plötzlich was und die lauten Kinder – die werden zum Teil direkt vom Pferd an ihre Grenzen gebracht. Es sind Einfühlungsvermögen und leise Töne gefragt. Fast alles, was die Kinder über das Herdenverhalten der Ponys und über eine gute Führung lernen, können sie in ihrer menschlichen Umgebung direkt nutzen und umsetzen. Und bei allem Lerneffekt bleibt auch noch ganz viel an „Balsam für die Seele“ übrig.

„Pferde für unsere Kinder e.V.“: Herzlichen Dank für das Interview und Ihre Unterstützung.

Pressekontakt:

Pferde für unsere Kinder e.V.
Caterina Steffen
T: +49 (0) 5631 / 603 42
E: steffen@pferde-fuer-unsere-kinder.de

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