Praxisbeispiel: Reitschule unterstützt Heimkinder

Im August 2014 trafen sich in Untergammenried Kinder, Jugendliche, Eltern, Pferdefreunde und interessierte, um gemeinsam das jährliche Hoffest der Reitschule Nessi Reichert zu feiern. Zahlreiche Gäste bestaunten die Vorführungen der Reitschüler. Die Quadrillen-, Spring- und Dressurvorführungen sowie die Präsentation des Pferdenachwuchses fanden großen Anklang. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Kinder der „Kinderheimat Tinzmann-Rosenberg“, einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe, die ihr können auf den Ponys zeigten. Anlässlich des Hoffestes konnten Spenden in Höhe von über 600,- € gesammelt werden. Der Spendenscheck ging an die „Kinderheimat Tinzmann-Rosenberg“.

Spendenübergabe der Reitschule Nessi Reichert an die „Kinderheimat Tinzmann-Rosenberg“

(Bildquelle: der Reitschule Nessi Reichert)

Einen ausführlichen Bericht und Bilder zum Hoffest der Reitschule Nessi Reichert veröffentlichte bereits die KURIER VERLAG GmbH.

 

Im persönlichen Interview beschreibt uns Frau Reichert nicht nur ihre Erfahrungen mit Pferden und Kindern, sondern erläutert uns auch, wie der Kontakt zwischen der „Kinderheimat Tinzmann-Rosenberg“ – einer familienähnlichen, stationären, sozialpädago-gischen Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe – und ihrer Reitschule entstand und, wie sie ihr Konzept für die Kinderheim-Kinder entwickelt hat.

Pferde für unsere Kinder e.V.: Frau Reichert, was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an der Beziehung von Pferd und Mensch?
J. Reichert: In meinen Augen geben uns Pferde das ehrlichste Feedback. Sie nehmen jedes Detail unseres Auftretens, unserer Körpersprache und unsere Stimmlage wahr und zeigen uns vorurteilslos unsere Stärken und Schwächen auf.

Pferde für unsere Kinder e.V.: Und wie wirkt sich der Kontakt zu Pferden auf Kinder aus?
J. Reichert: Pferde bzw. Ponys haben eine sehr beruhigende Wirkung auf Kinder. Die Kinder lieben es, diese großen Tiere zu streicheln, sie fühlen die Wärme, sie spüren den Blick. Sie wissen, sie sind angenommen. Und nicht selten beobachtet man, wie sie den Pferden ihre Geheimnisse und Sorgen anvertrauen – sie spüren, dort sind sie gut aufgehoben. Beim Reiten selbst fällt es ihnen leicht sich in die Bewegung einzufühlen. Sie genießen es, getragen und gewiegt zu werden.

Pferde für unsere Kinder e.V.: Frau Reichert, wie bzw. woraus ergab sich die Chance für die Kinder der „Kinderheimat Tinzmann-Rosenberg“ bei Ihnen, in der Reitschule Nessi Reichert, mit Pferden in Berührung zu kommen?
J. Reichert: Die Mutter eines Reitschülers ist in der „Kinderheimat Tinzmann-Rosenberg“ als Sportcoach tätig. Sie hat meine Reitschule Frau Tinzmann-Rosenberg empfohlen und so kam die Leitung der Kinderheimat auf mich zu.

Pferde für unsere Kinder e.V.: Seit wann ist die „Kinderheimat Tinzmann-Rosenberg“ schon in Ihr Reitschul-Konzept integriert?
J. Reichert: Die Kinderheimat ist seit 2013 in mein Reitschul-Konzept integriert.

Pferde für unsere Kinder e.V.: Wie oft besuchen die Kinder der Kinderheimat Sie und Ihre Pferde?
J. Reichert: Die insgesamt 11 Kinder habe ich in drei Gruppen nach Alter und Können aufgeteilt. Jede Gruppe wird einmal wöchentlich unterrichtet. In den Schulferien biete ich Intensivkurse für die Kinder der „Kinderheimat Tinzmann-Rosenberg“ an. Es kommen alle an mehreren Tagen am Vormittag. Da haben wir Zeit den Umgang mit dem Partner Pferd zu intensivieren. Es wird Bodenarbeit gemacht, theoretisches Wissen vermittelt und Ausritte und Spiele organisiert.

Pferde für unsere Kinder e.V.: Haben Sie ein speziell abgestimmtes Konzept für Heimkinder entwickelt?
J. Reichert: Um ein Konzept zu entwickeln war es wichtig, mir von Frau Tinzmann-Rosenberg einen kleinen Einblick in das Schicksal jedes einzelnen Kindes geben zu lassen. Mit diesem Hintergrundwissen über Verhaltensauffälligkeiten, Konzentrationsschwächen etc. versuche ich die Kinder möglichst „normal“ zu behandeln. Sie wollen keine „Therapie“. Sie wollen Freizeitgestaltung, Sport und auch kleine Ziele wie zum Beispiel die Teilnahme an Motivationsabzeichen (Reitabzeichen RA 10 bis RA 8). Sie erkennen ihre Fähigkeiten, gewinnen Selbstvertrauen und stellen sich Prüfungssituationen.

Pferde für unsere Kinder e.V.: Welche Erfahrungen sammeln die Kinder, wenn Sie zur Reitschule kommen?
J. Reichert: Sie sehen, wie Pferde artgerecht gehalten werden, helfen bei der Fütterung, dürfen die Pferde bzw. Ponys, die sie reiten von der Koppel holen, putzen sie und lernen sie zu satteln und zu zäumen. Der Unterricht fördert die Konzentration und die Umsetzung von Anweisungen. Die Kinder nehmen ihren Körper war, haben mehr Körperspannung und Koordination. Sie entwickeln Verantwortungsbewusstsein und wie ich glaube, Liebe zum Pferd.

Pferde für unsere Kinder e.V.: Konnten Sie durch den Kontakt zu Ihren Pferden eine Verhaltensänderung der Kinder wahrnehmen?
J. Reichert: Absolut. Die Betreuer haben uns berichtet, dass die Kinder nach den Reiteinheiten ruhiger sind und besser schlafen. In der Schule sind sie konzentrierter und ihre Leistungen verbessern sich. Bei psychologisch betreuten Kindern bemerken die Psychologen deutliche Fortschritte.

Pferde für unsere Kinder e.V.: Frau Reichert, bitte beschreiben Sie doch einmal abschließend eins Ihrer schönsten Erlebnisse zum Thema „Kinder und Pferde“.
J. Reichert: Es war an einem Ferientag, als alle elf Kinder der „Kinderheimat“ (noch fast alle ohne Reiterfahrung) zum geführten Reiten angesagt waren. Was hier ankam war eine Horde von durcheinanderschreienden und wild umher rennenden Kindern. Als sie schließlich alle auf den Pferden und Ponys saßen und geführt von unseren engagierten jugendlichen Helfern losgeritten waren – man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so still war es. Sie haben sich der Bewegung der Tiere hingegeben und ließen sich tragen, wollten sich gar nicht mehr festhalten und trauten sich sogar, ihre Augen zu schließen.
Das war für uns alle ein absolut berührender Moment, der mir einmal mehr gezeigt hat, wie der Umgang mit Pferden uns Menschen im positivsten Sinne beeinflussen kann!

Pferde für unsere Kinder e.V.: Vielen Dank Frau Reichert für das Interview!